Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Jahresgedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Furth im Wald organisierte Jürgen Mistol eine Zugfahrt nach Holýšov. Nach einer Einführung, in der Jürgen Mistol erläuterte, dass die Route in umgekehrter Richtung der Fluchtstrecke vieler Vertriebenen entsprach, begann die Fahrt am Bahnhof in Furth im Wald.
Nach der Ankunft in Holýšov wurden Jürgen Mistol und die Teilnehmenden von Rudolf Švec empfangen, der sowohl deutsche als auch tschechische Wurzel hat und sich selbst als „echter Holeischener“ bezeichnet. Auf dem Weg durch die Stadt machte er auf die historische Bedeutung verschiedener Orte aufmerksam: Bereits vom Bahnhof aus war der Bereich zu erkennen, in dem sich während des Zweiten Weltkriegs die Wohnlager der Arbeiterinnen der Metallwerke Holleischen GmbH befanden. Außerdem verwies Švec auf mehrere historische Gebäude und Gedenkorte, die bis heute an die Geschichte von Holýšov erinnern.
Im „Dům Holýšovska“ (Haus der Holeischener Region) präsentierte Rudolf Švec anschließend einen informativen Film zur Geschichte von Holýšov, insbesondere zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Gebäude der ehemaligen Glasfabrik, die zwischen 1897 und 1934 betrieben worden war, wurden nach der Eingliederung des Sudetenlandes von der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG aus Berlin übernommen. Ab 1940 produzierte die daraus entstandene Metallwerke Holleischen GmbH dort Munition für die deutsche Rüstungsindustrie. In den Werken arbeiteten vor allem Frauen, die in Arbeitslagern in der Nähe der Fabrikanlagen untergebracht waren. Das Frauenlager wurde am 1. September 1944 dem Konzentrationslager Flossenbürg als Außenlager angegliedert. Im Jahr 1945 wurde die Nähe zur Rüstungsproduktion für das Lager zum Verhängnis: Bei Luftangriffen der Alliierten wurden Teile der Fabrikanlagen sowie Lagerbereiche schwer beschädigt. Darüber hinaus bestanden in Holýšov weitere Arbeits- und Gefangenenlager. Dort waren unter anderem kroatische, italienische, russische und französische Kriegsgefangene untergebracht, die als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Zudem gab es ein Arbeitslager der Deutschen Arbeitsfront sowie ein Lager für tschechische Frauen und Mädchen.
In den Ausstellungsräumen des Dům Holýšovska konnten die Teilnehmenden dieser Fahrt neben der Geschichte von Holýšov während des Zweiten Weltkriegs auch mehr über die Bevölkerung vor der Vertreibung erfahren. Da Holýšov Teil des Sudetenlandes war, gehörte die deutsche Sprache für viele Einwohner*innen zur Alltagssprache. Veranschaulicht wurde dies unter anderem durch ausgestellte Schulhefte aus der Vorkriegs- und Kriegszeit. Außerdem wurde dargestellt, dass die ehemaligen Kriegsgefangenen- und Arbeitslager nach Kriegsende zunächst als Sammellager für die deutschsprachigen Bevölkerung genutzt wurden, bevor deren Vertreibung erfolgte.
Die Geschichte von Holýšov verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern aus ihr zu lernen: „Wir tragen keine Verantwortung für das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. Aber wir tragen die Verantwortung, uns zu erinnern und dafür einzutreten, dass sich Geschichte nicht wiederholt“, so Jürgen Mistol.