Furth im Wald war eines der größten Durchgangslager Bayerns. Etwa eine Dreiviertelmillion Menschen passierten das Lager im Zuge der im August 1945 vereinbarten sogenannten „ordnungsgemäßen und humanen Überführung“ der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Seit 2015 erinnert Deutschland jährlich am 20. Juni mit dem Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung. Aus diesem Anlass organisierten der Adalbert-Stifter-Verein, Europe Direct und Paměť národa (Post Bellum) gemeinsam mit der Stadt Furth im Wald eine zweitägige Veranstaltungsreihe. Als Partner der Veranstaltung nahm auch Jürgen Mistol, Koordinator für die bayerisch-tschechische Parlamentsfreundschaft teil.
Gestartet wurde am Vormittag des 19.06 mit mehreren Schüler*innen Workshops zum Thema Vertreibung, der Grenze und des zweiten Weltkriegs in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Fragen. Die Schüler*innen diskutierten, was sie im Falle von ihrer Vertreibung mitnehmen würden. Dass die sudetendeutsche Bevölkerung keineswegs eine lebenslange Verabschiedung von ihrer „alten Heimat“ erwartet hatte zeigte die Tatsache, dass viele ihre Hausschlüssel mitgenommen haben.
Im Anschluss hatten die Schüler*innen die Möglichkeit unter anderem mit Jürgen Mistol ins Gespräch zu kommen: Neben aktuellen politischen Fragen waren die Schüler*innen ebenfalls interessiert daran was die Verbindung von Jürgen Mistol zu Tschechien und der Veranstaltung ist. Mistol erklärte, dass er es für grundsätzlich wichtig empfindet, die Vergangenheit zu kennen, um die Zukunft zu gestalten und Erfahrungen aus der Geschichte in eine bessere Zukunft übertragen zu können. Zudem berichtete er von seiner schlesischen Großmutter, die vertrieben wurde und von einem Tag auf den anderen mit drei Kindern ihre Heimat verlassen musste.
Im Anschluss an die Workshops nahm Jürgen Mistol an einer Stadtführung durch Furth im Wald teil, die sich den Spuren von Vertreibung und Versöhnung widmete. Die Führung begann an der Kreuzkirche und führte weiter über den Bahnübergang, an dem sich vor 80 Jahren die Lager für die Vertriebenen befanden. Weitere Stationen waren die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt sowie der Stadtplatz mit dem Rathaus. Ihren Abschluss fand die Führung am Brunnen am Schlossplatz neben dem Landestormuseum. Die Führung zeigte, dass bei genauem Hinschauen die Spuren der Vertriebenen sichtbar werden, im Stadtbild, im gesellschaftlichen Leben als auch in lebendigen Traditionen.
Ein weiterer Programmpunkt am Freitag war die Eröffnung einer Ausstellung von Paměť národa (Post Bellum) mit acht Porträts von Menschen, die nach 1945 die Zwangsumsiedlung aus der Tschechoslowakei erlebt haben. Neben den persönlichen Lebensgeschichten hatte auch der Ausstellungsort eine besondere historische Bedeutung: Die Ausstellung fand in der Werkhalle 4 direkt neben den Bahnhofsgleisen statt. Dort wurden die Sudetendeutschen empfangen, gereinigt und vorbereitet zur Weiterreise. In unmittelbarer Nähe befand sich vor 80 Jahren der Lager für die Vertriebenen, die länger geblieben sind.
Am Abend fand unter dem Motto „Geschichte verschwindet nicht“ eine Podiumsdiskussion statt, an der auch Jürgen Mistol teilnahm. Neben ihm diskutierten der Bürgermeister von Všeruby Václav Bernard, die Leiterin des deutschen Büros des Koordinierungszentrums deutsch-tschechischer Jugendaustausch Tandem Kathrin Freier-Maldoner, sowie die Schriftstellerin Alice Horáčková. Die Gesprächsrunde verdeutlichte erneut die Bedeutung von Geschichte für die Gegenwart, denn die Erfahrungen von Krieg und Vertreibung vor 80 Jahren wirken bis heute und prägen das gesellschaftliche Zusammenleben. Mistol betonte dabei, dass Erinnerungskultur Zeit braucht. Auch die bayerisch-tschechischen Beziehungen haben sich über einen langen Zeitraum entwickelt und sind heute ein wertvoller Bestandteil der Grenzregion und weit darüber hinaus für ganz Bayern.
Der Samstag begann mit einem Erzählcafé. In der Werkshalle 4 kamen im Rahmen des Projekts „Grenze neu gedacht“ Menschen aus Furth im Wald und Umgebung zusammen, um ihre persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen mit dem Bahnhofsgebäude, aber auch der Stadt und dem nahen Grenzgebiet zu teilen, von der Vergangenheit bis hin zur Gegenwart. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere die Vertreibung sowie die Bedeutung der Grenze für den Further Grenzbahnhof. Die Gespräche reichten von Erlebnissen an der Grenze, sprachlichen Hürden und vergangenen Zugreisen bis hin zu persönlichen Familiengeschichten. Im Anschluss an das Erzählcafé lud Jürgen Mistol zu einer Zugfahrt nach Holýšov ein.
Interessierte haben weiterhin bis zum 19. Juli die Möglichkeit die Ausstellung „Vertriebene Kinder“ im Landestormuseum in Furth im Wald zu besuchen. Die Ausstellung und das gleichnamige Buch erzählen anhand von fünf Lebensgeschichten von Flucht und Vertreibung aus der Perspektive von Kindern. Darüber hinaus besteht am 13. September die Gelegenheit, an einer deutsch-tschechischen Messe mit anschließendem Picknick teilzunehmen.