Rede Jürgen Mistol
Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen!
Ich freue mich sehr für die Sudetendeutsche Landsmannschaft und ganz besonders für deren Bundesvorsitzenden Bernd Posselt, dass ab morgen ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Dass der Sudetendeutsche Tag heuer nicht in Regensburg oder Augsburg, sondern in Brünn und damit erstmals in der Tschechischen Republik stattfindet, ist wahrlich nicht vom Himmel gefallen. Dem Treffen gehen jahrzehntelange – ich sage es einmal so – vertrauensbildende Maßnahmen und ehrlicher Dialog voraus. Dieses Brückenbauen der Sudetendeutschen stärkt und beflügelt auch die bayerisch-tschechische Freundschaft. Dafür möchte ich für meine Fraktion ganz herzlich Danke sagen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Kolleginnen und Kollegen,
es geht aber um weit mehr als um Bayern und um Tschechien. Bernd Posselt – um ihn noch einmal zu zitieren – sagt: "Meine Eltern haben immer gesagt, dass es nicht die Tschechen oder die Jugoslawen waren, die das Schicksal unserer Familien zerstört haben, sondern der Nationalismus – insbesondere der deutsche Nationalismus."
Kolleginnen und Kollegen,
es geht um Europa. Es geht um unser friedliches Zusammenleben. Es geht um unsere Freiheit, um unsere Demokratie, um unseren Wohlstand und um unsere Zukunft. Weil auch viele Menschen in Tschechien wissen, dass es darum geht, unterstützen auch viele den Sudetendeutschen Tag in Brünn. Zu den anderen sagt Bernd Posselt: "Nationalisten und Kommunisten tun halt das, wofür Nationalisten und Kommunisten da sind." – Da hat er einfach recht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall bei den GRÜNEN, der CSU, den FREIEN WÄHLERN und der SPD)
Warum findet die Veranstaltung in Brünn statt und nicht etwa in Aussig, in Eger oder in Reichenberg? – Tausende Deutsche wurden nach Kriegsende 1945 von Brünn aus auf einen Todesmarsch Richtung Österreich geschickt. Lange wurde in Brünn darüber kaum gesprochen. Es war ein junger Mann, der im Jahr 2000 mit seinem Bündnis, das auf Deutsch mit "Jugend für interkulturelle Verständigung" übersetzt werden kann, einen Aufruf an den Brünner Stadtrat initiierte mit dem Ziel, sich bei den Vertriebenen zu entschuldigen. Dass dieser Mann namens Ondřej Liška später im Brünner Stadtrat saß, dann Mitglied des Abgeordnetenhauses war und sogar das Amt des Ministers für Schule, Jugend und Sport bekleidete, und das übrigens alles für die tschechischen GRÜNEN, sei nur am Rande erwähnt.
Fakt ist, dass als Reaktion auf Liškas Aufruf Gedenkmärsche organisiert wurden, um an die Vertreibungen zu erinnern, und seit 2005 findet jährlich der Versöhnungsmarsch statt. Er verläuft in umgekehrter Richtung. Vom Massengrab im südmährischen Pohrlitz aus gehen Deutsche, Österreicher und Tschechen gemeinsam den gut 30 Kilometer langen Weg zurück nach Brünn. Dieser Marsch ist zentraler Bestandteil des zehntägigen Festivals "Meeting Brno", das von der Stadt Brünn unterstützt und bei dem übrigens der tschechische Staatspräsident Petr Pavel jetzt vor wenigen Tagen zugesagt hat, dass er Schirmherr ist. Die Macherinnen und Macher von "Meeting Brno" – übrigens eine klassische Nichtregierungsorganisation, eine NGO – sind wiederum diejenigen, die die Sudetendeutsche Landsmannschaft eingeladen haben, den Sudetendeutschen Tag in Brünn abzuhalten. So schließt sich der Kreis.
Kolleginnen und Kollegen,
ich komme zum Schluss. Ich finde es wirklich gut, dass Mitglieder des Landtags und auch der Staatsregierung und der Ministerpräsident klare Haltung zeigen und ungeachtet des Störfeuers den Heimatvertriebenen, aber auch der Zivilgesellschaft in Tschechien mit ihrer Teilnahme am Sudetendeutschen Tag demonstrativ den Rücken stärken. Ich freue mich auch, zusammen mit meiner Fraktionskollegin Kerstin Celina mit dabei zu sein.
Gerade jetzt, wo in Europa wieder der Krieg tobt, wo laute Desinformation und krawalliger Nationalismus versuchen, altes Misstrauen neu zu entfachen, brauchen wir die leisen, aber kraftvollen und ehrlichen Zeichen der Verständigung. Bayern hat hier im Herzen Europas eine besondere Rolle, als Heimat vieler Sudetendeutscher und als Nachbar und Freund der Tschechischen Republik. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei den GRÜNEN, der CSU, den FREIEN WÄHLERN und der SPD)